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04.09.2017: Kümmere Dich um Deine „Kunden“ und Mitarbeiter - Im Gespräch mit Franz J. Stoffer

achtsamMANAGEMENT | Silke Krischke Freiburg Am 01.10.1979 wurde die CBT - Caritas-Betriebsführungs- und Trägergesellschaft mbH in Köln gegründet und in die verantwortungsvollen Hände von Franz J. Stoffer als Geschäftsführer gelegt. Er führte und entwickelte das Unternehmen bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden im Oktober 2011. Geführt als „einzigartiges Sozialunternehmen“ wurde es unter der Leitung von Franz J. Stoffer vielfach für seine vorbildliche Führungskultur und die innovativen Konzepte ausgezeichnet, u.a. als „Bester Arbeitgeber Deutschlands“. Moment! Ein Sozialunternehmen wird ausgezeichnet als bester Arbeitgeber Deutschlands?! Und das in Zeiten, in denen Arbeit in sozialen Einrichtungen eher als wenig attraktiv angesehen wird!?

Ich bin dankbar und glücklich, dass ich im vergangenen Jahr die faszinierende Persönlichkeit und den liebenswerten Menschen Franz J. Stoffer kennenlernen durfte. Seine Lebenserfahrung, seine Haltung und seine Erfolge motivieren mich bis heute auf meinem beruflichen Weg. Deshalb möchte ich auch Sie einladen, diesen beeindruckenden Menschen und seine Führungskultur im nachfolgenden Gespräch näher kennen zu lernen:

Herr Stoffer, „Der Mensch steht im Mittelpunkt“ – diese und ähnliche Schlagworte prägen Literatur und Medien rund um das spannende Thema Führung. Unternehmensleitbilder stellen die Menschen, Mitarbeiter und Kunden, in den Mittelpunkt ihres Handelns. Welche Erfahrungen haben Sie in den über 30 Jahren Ihrer Tätigkeit als Geschäftsführer der CBT und als selbständiger Berater in der Sozialwirtschaft gemacht?

Ich habe erfahren, dass die Realität vielfach anders aussieht. Beim Streben nach möglichst hohen Renditen und wirtschaftlichen Erfolgen wird der Mensch zum Mittel. Punkt! Es zählt nur noch, wer und was sich rechnet, und man macht dabei auch vor Einrichtungen des sozialen Lebens nicht halt. Im Altenhilfe- und Gesundheitssektor werden gefährliche Kosten-Nutzen-Rechnungen aufgestellt und Rationalisierungen von pflegerischen Leistungen hingenommen, um Personal einzusparen. Das ist unchristlich und unmoralisch.

Die Menschen erleben sich als Rädchen im Getriebe anonymer Maschinerien. Die Gallup-Studie bestätigt Jahr um Jahr, dass die emotionale Bindung der Mitarbeiter zu ihrem Unternehmen keine Fortschritte macht. Nach der aktuellen Studie aus dem Jahr 2017 fühlen sich noch immer nur 15% der Beschäftigten ihrem Unternehmen und Job gegenüber verpflichtet.

Sie sprechen die Ergebnisse der Gallup-Studie von 2017 an. In dieser Studie wird schlechten Vorgesetzten die Schuld an dieser Misere gegeben. Wie ist Ihre Wahrnehmung bezüglich dieser Entwicklung der Mitarbeiterbindung?

Den meisten Managern gelingt es offenbar nicht, die Balance zwischen Wertezuwachs des Unternehmens und dem Wohl der Mitarbeiter zu finden. Auch Sozialunternehmen werden mehr und mehr zu Sklaven der Ökonomie, statt den Menschen zu dienen. Es gibt auch in diesem Sektor viele Manager, die von der sozialen Arbeit wenig verstehen, Mitarbeiter nicht in Entscheidungsprozesse einbeziehen und frei werdende Stellen nicht nachbesetzen, um Überschüsse zu erzielen und diese dann zweckentfremdend einzusetzen. Durch reine Kostensenkungsprogramme werden Unternehmen nicht schlanker, sondern nur noch magerer.

Mit Ihren Erfolgen und Auszeichnungen bei der CBT bestätigen Sie, dass Führen auch anders geht – wertschätzend, fair, verantwortungsvoll, teamorientiert und mit einer hohen Bindung und Motivation. Was war Ihnen als Geschäftsführer der CBT besonders wichtig?

Das ist richtig. Bei einer anonymen Befragung von 500 zufällig ausgewählten CBT-Mitarbeitern bestätigten 91%, dass ihre Arbeit von besonderer Bedeutung für sie ist – nicht nur ein Job. 86% der Mitarbeiter glaubten, dass sie bei der CBT einen bedeutsamen Beitrag leisten, und 83% bescheinigten der Führung, dass sie klare Vorstellungen von den Zielen der CBT hat und wie diese erreicht werden können. Alles in allem bestätigten 82% der Mitarbeiter, dass die CBT ein sehr guter Arbeitsplatz ist. Diese Ergebnisse waren für mich ein großartiger Beweis dafür, dass die CBT mit ihrer Führungskultur und Werteorientierung richtig liegt. Auch für die ganze Pflegebranche ist dies ein mutmachendes Zeichen, trotz erschwerter Rahmenbedingungen für optimale Voraussetzungen in den Unternehmen zu sorgen und Mitarbeitende zu begeistern. Das Erfolgsgeheimnis der CBT ist trivial: Kümmere Dich um Deine „Kunden“ und Mitarbeiter. Der Rest kommt dann von alleine.

„Kunden“ sind die wichtigsten Personen im Unternehmen – sie machen die Arbeit nicht schwierig, sie machen sie möglich. „Kunden“ sind nicht abhängig von den Dienstleistern, die Dienstleister sind abhängig von ihnen. Ihre Zufriedenheit ist das wichtigste Unternehmensziel, denn sie sichert die Existenz des Unternehmens. Kundenorientiert in diesem Sinn ist ein Unternehmen, wenn alle wichtigen Entscheidungen von dem Wunsch beseelt sind, den Menschen besser zu dienen. Ihre Zufriedenheit, das Ausmaß der Erfüllung ihrer Ansprüche und Erwartungen, definiert die Qualität – und nicht eine Zertifizierungsplakette an der Wand. Das einzige, was den Managern also wirklich dient und sie weiterbringt, ist der Blick auf den „Kunden“, der enge Kontakt mit ihm – wenn man herausfindet, womit man ihn begeistern kann, was für ihn wertvoll, also gut, richtig, angemessen, gültig oder schön ist.

Das, was Sie beschreiben, hat nun allerdings wenig mit den bekannten Managementprinzipien zu tun, die vielfach gelehrt werden. Das, was Sie beschreiben geht weit über Planung, Organisation, Personal und Controlling hinaus. Wie kann dieser Kundenfokus verwirklicht werden?

Dies geht nur von Mensch zu Mensch. Dabei sind die Mitarbeiter die Garanten für Qualität und Weiterentwicklung: Nur der einzelne Mensch ist Quelle und Garant für Kreativität und Innovation. Erfolgreiche Unternehmen der Zukunft bauen sozusagen die Organisation um die Menschen herum. Die daraus entstehenden flexiblen Strukturen werden nicht mehr über Kontrolle und Systeme zusammengehalten, sondern durch Vertrauen und eine neue Führungskultur.

Die Qualität der Arbeit und damit die Zukunft von Unternehmen steht und fällt mit der Qualifizierung und Befähigung der Mitarbeitenden sowie ihrer Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Unternehmen sind nur so gut wie die Menschen, die für sie arbeiten.

Und was bedeutet dies für Unternehmen? Wie müssen diese beschaffen sein, um gute Mitarbeiter anzuziehen und zu halten?

Die Antwort auf diese Frage ist einfach. Gute Leute brauchen eine Arbeitsumgebung, die ihnen entspricht. Und sie brauchen gute Führungskräfte, die diese Arbeitsumgebung schaffen. Führungstechniken alleine reichen nicht aus. Die Führung der Veränderung erfordert eine Veränderung der Führung. Nach den Jahren der Beschäftigung mit Strukturen und Prozessen braucht es jetzt radikalere Ideen und Menschen, die daraus etwas machen, damit auch die eigentliche Aufgabe eines Unternehmens wieder in den Mittelpunkt rückt: für Menschen, für „Kunden“ und für die Gesellschaft Werte zu schaffen und Nutzen zu stiften.

Neue Führung setzt auf Persönlichkeiten. Sie setzt auf Menschlichkeit, Nächstenliebe, Vertrauen, Freiräume, Mut, Humor, Kreativität und Kommunikation. Der Humus dafür ist eine werteorientierte Unternehmenskultur mit offener Kommunikation, mit umfassender Information, mit klaren Zielen und Verantwortungsbereichen, mit Vertrauen und Beteiligung am Erfolg. Doch dafür muss in den Köpfen und Herzen der Führenden mächtig aufgeräumt werden. Es ist überlebenswichtig, dass Führende nach innen schauen, auf das, was sie selbst beeinflussen können. Mutig und tatkräftig müssen sie den Gestaltungsspielraum abstecken, Ressourcen finden, Ideen einsetzen und den Wandel gestalten. Begeisterte Mitarbeiter sind die Energiequelle für das Unternehmen. Indem sie konsequent gefordert und gefördert werden, übernehmen sie Verantwortung für sich, ihre Motivation und ihre Leistung.

Fähige Mitarbeiter brauchen daher fähige Führende. Gute Führungskräfte haben begriffen, dass jeder Mensch eine eigene Motivationsstruktur besitzt, seine eigene Denkweise, seinen eigenen Umgangsstil. Sie wissen auch, dass sich Menschen nur bedingt ändern lassen und wollen. Doch darüber klagen sie nicht, im Gegenteil, ihr Bestreben ist es, die Unterschiede zu nutzen, den Mitarbeitern zu helfen, ihre Stärken noch besser einzusetzen und ihre Begabungen noch mehr nutzen zu können, so dass sie mit ihren Stärken Erfolge haben.

Und diese Erfolge werden auch von außen wahrgenommen. So wie man innen miteinander umgeht, wird man auch von außen, von Kunden und zukünftigen Mitarbeitern, wahrgenommen.

Lieber Herr Stoffer, ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch. Ihre Gedanken bekräftigen die Notwendigkeit für eine neue Qualität der Führung.

Seit seinem Abschied von der CBT ist Herr Stoffer weiterhin als selbständiger Berater und Vortragender aktiv. Darüber hinaus engagiert er sich in zwei Aufsichtsräten, dem KDA - Kuratorium Deutsche Altershilfe sowie bei der Unternehmensgruppe CMD - Care Management Deutschland.
siehe auch FJS Consulting BALANCE - Beratung für Sozialunternehmen

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